Die Greifswalder Autorin und Buchgestalterin Judith Schalansky lebt seit dem 6. Juni im ehemaligen Kloster St. Afra in Meißen. Sie wird dort als inzwischen dritte Klosterhofschreiberin an einer neuen Veröffentlichung arbeiten. Ihre beiden Vorgängerinnen im St. Afra waren Angela Krauß und Christoph Kuhn.
Schalansky wurde in Greifswald geboren und ist hier aufgewachsen. Sie lebt als freie Autorin in Berlin und wurde für ihre Arbeiten mittlerweile mit mehreren Literatur- und Designpreisen geehrt, unter anderem mit dem 1. Preis der Stiftung Buchkunst: „Schönstes deutsches Buch des Jahres“ und dem Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg.
Aus ihrer Feder stammen Fraktur mon Amour (2006), Blau steht dir nicht: Matrosenroman (2008), Atlas der abgelegenen Inseln: Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde (2009) und Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (2011).
Ihren Bildungsroman Der Hals der Giraffe stellte das NDR-Kulturjournal vor wenigen Monaten in einem eigenen Beitrag vor.
Vor gut einer Woche kam Thomas Meinecke mal wieder in Greifswald vorbei und stattete der Hansestadt einen Besuch ab.
Dabei absolvierte der Münchener gleich mehrere Termine vor Ort und trat auf gänzlich verschiedenen Veranstaltungen auf: als DJ beim Hoffest der Germanistik und der Rechtswissenschaften, als Gast und Gegenstand eines Schumacher-Seminares, oder eben in seiner Profession als Autor, für die er wohl am berühmtesten ist.
Im restlos ausverkauften Koeppen las Thomas Meinecke eine knappe Stunde aus seinem Roman Lookalikes. Anschließend plauderte er mit Prof. Dr. Eckhard Schumacher und später auch mit dem Publikum über das Buch und leuchtete dabei einige Hintergründe seiner Lookalikes und ihrer Entstehung aus.
Das Studierendenfernsehen Moritz TV nutzte den Besuch des 56jährigen Avantgarde-Punks für ein gut zehnminütiges Interview, in dem Meinecke über Literatur und Musik, Zitation und Sampling, Rekontextualisierung und Sprachknäste, Stuckrad-Barre und Christian Kracht spricht.
Achtung, Thomas Meinecke ist wieder da! Einige werden den Autoren und Popexperten am Sonnabend an der Seite von Prof. Eckhard Schumacher, mit dem er gemeinsam beim Hoffest der Germanistik/Rechtswissenschaft an den Plattenspielern stand, erspäht haben. Heute Abend tritt das Duo wieder auf, jedoch in anderer Profession und etwas ruhiger.
Im Koeppen wird Meinecke sein jüngstes Werk Lookalikes vorstellen und sich im anschließenden Gespräch mit Schumacher auf popkulturelle Spurensuche begeben. Die beiden sind ein eingespieltes Team und kennen sich schon lange. Während der eine schrieb, forschte der andere dem Geschriebenen hinterher. Vor zwei Jahren besuchte Meinecke dann schließlich Greifswald, um im Koeppen und in einem Seminar Schumachers aufzutreten und über Pop zu sprechen.
Hipster: Schumacher vs. Meinecke
Im Januar 2012 veröffentlichten die beiden einen als E-Mail-Dialog konzipierten Debattenbeitrag im bei Suhrkamp erschienenen Sammelband Hipster: Eine transatlantische Diskussion. Darin widmen sie sich dem titeltragenden Phänomen von Andy Warhol bis zu den Riot Grrrls. Auf diese gemeinsame Arbeit wird im vom Schumacher moderierten Autorengespräch nach der Lesung sicher Bezug genommen. Doch vorher soll Meineckes Lookalikes im Vordergrund stehen. Darin geht es um Leute,
„die so aussehen wie jemand anders, aber nie ganz…Düsseldorf, Königsallee: Menschen, die sich Justin Timberlake, Josephine Baker und Serge Gainsbourg nennen, flanieren über das Trottoir. Sie sind Lookalikes, haben sich bei einschlägigen Agenturen registrieren lassen und sind damit beschäftigt, ihre Ähnlichkeit mit diesen Berühmtheiten produktiv zu machen. In der zweiten Romanhälfte verlagert sich der Schwerpunkt nach Brasilien, nach Salvador da Bahia.
Thomas Meinecke ist eine Romanfigur, die sich in den afrobrasilianischen Tempeln der Stadt auf die Spuren des Schriftstellers Hubert Fichte begibt und dort die Rituale des Candomblé erlebt, in denen Götter die Körper der Gläubigen übernehmen.“
Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Greifswalder Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie statt.
Wolfgang Koeppen geht wieder um und zum einhundertfünften Geburtstag des vor fünfzehn Jahren in München verstorbenen Schriftstellers werden Ausschnitte aus seinem Leben und Werk gezeigt. Dicht gebündelt und mit renommierten Gästen auf dem Plan, präsentieren die Greifswalder Koeppentage 2011 ein vielseitiges Programm, das dem Leitthema Lobbyismus verschrieben wurde.
GÜNTER GRASS VS. NORBERT LAMMERT, THOMAS LEIF UND CHRISTIAN „DIE STIMME“ BRÜCKNER
Insgesamt sieben Veranstaltungen werden zwischen dem 17. und dem 27. Juni stattfinden, fast alle davon im Koeppenhaus, wo der Schriftsteller 1906 geboren wurde. Einen Höhepunkt der literaturschwangeren Tage stellt sicher der Besuch von Nobelpreisträger Günter Grass dar, der sich nach einer Lesung im Pommerschen Landesmuseum ins Podiumsgespräch mit dem Bundestagspräsidenten Dr. Norbert Lammert begeben wird.
Eine erste Podiumsdiskussion findet bereits kurz davor statt, wenn Thomas Leif (Die fünfte Gewalt) im Koeppenhaus mit seinen Gästen über Lobbyismus debattieren wird. Eine Woche später wird Grimme-Preisträger Christian Brückner aus dem Treibhaus lesen. Name und Gesicht dieses Schauspielers sind bei weitem nicht so bekannt wie seine Stimme, mit der er sich in unsere Vorstellungen von manchen Kinostars eingeschrieben hat. So ist er aufgrund seines festen Engagements als Synchronsprecher Robert De Niros eigentlich in aller Ohren.
TREIBHAUSATMOSPHÄRE IM „MÜNCHENER ZIMMER“
Die Koeppentage 2011 werden mit einer Vernissage zur Treibhausatmosphäre im „Münchener Zimmer“ eröffnet. Die Ausstellung ist dem Roman Das Treibhaus gewidmet, das von den politischen Verhältnissen im Bonn der Adenauer-Ära erzählt. Für den Eröffnungsabend werden zu Lesung und Gespräch Dr. Martin Hielscher, der unter anderem Das Autorenbuch über Koeppen schrieb, sowie der Schriftsteller und Literaturjournalisten Michael Kumpfmüller angekündigt.
Die Ausstellung — Ergebnis einer Kooperation von Koeppenhaus und der Philosophischen Fakultät der Universität Greifswald — ist bis zum 10. September geöffnet.
NICHTS VERPASSEN: DAS KOEPPEN FUNKT AUF ALLEN KANÄLEN
Das komplette Programm ist auf der Webseite des Literaturzentrums Vorpommern zu finden Dort wurde sogar Flattr eingebunden, so dass man problemlos seine individuelle Kultursteuer entrichten kann. Für aktuelle Erinnerungen und Empfehlungen wird auch bei Twitter ein Koeppenhaus-Account betreut und eine Fanpage bei Facebook gibt es auch.
Die verlorene Tochter kehrt — zumindest für einen Tag — zurück. Heute Abend wird Judith Schalansky im Koeppenhaus aus ihrem jüngsten Werk Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde lesen, das von der Stiftung Buchkunst als schönstes Buch 2009 ausgezeichnet wurde, lesen.
Ihren Faible für das Maritime brachte sie schon mit ihrem 2008 bei mare erschienen Debüt Blau steht dir nicht zum Ausdruck, in ihrem Atlas bleibt die Greifswalderin beim Thema:
Dass es immer noch Orte gibt, die schwer zu erreichen sind, erscheint uns heute nicht mehr vorstellbar. Judith Schalansky aber hat sie gesammelt: fünfzig entlegene Inseln, die in jeder Hinsicht weit entfernt sind, entfernt vom Festland, von Menschen, von Flughäfen und Reisekatalogen. Aus historischen Begebenheiten und naturwissenschaftlichen Berichten spinnt Judith Schalansky zu jeder Insel eine Prosaminiatur, absurd-abgründige Geschichten, wie sie nur die Wirklichkeit sich auszudenken vermag, wenn sie mit wenigen Quadratkilometern im Nirgendwo auskommen muss.
Sie handeln von seltenen Tieren und seltsamen Menschen: von gestrandeten Sklaven und einsamen Naturforschern, verirrten Entdeckern und verwirrten Leuchtturmwärtern, meuternden Matrosen und vergessenen Schiffbrüchigen, braven Sträflingen und strafversetzten Beamten, kurzum: von freiwilligen und unfreiwilligen Robinsons.
Außerdem wurde dem Buch im letzten November der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2011 (Silber) verliehen. Im folgenden Videointerview spricht Judith Schalansky über die Wiederentdeckung ihrer Obsessionen fürs Matrosenhafte, die Wirkung der tiefblauen Uniformen auf sie und ihre collagenartige Arbeitsweise.
Das Koeppenhaus wartet morgen mit einem besonderen Gast auf, denn der Autor und Journalist Moritz von Uslar macht sich von Berlin aus auf den Weg nach Greifswald.
Freitagnacht in der fertigsten Stadt Deutschlands
Die Strecke müsste er noch gut in Erinnerung haben, denn von Uslar kolumniert für DIE ZEIT und entwickelte dort unter anderem eine Reihe, die erst auf den Arbeitstitel Nachtleben an ausgewählten Orten hörte, jetzt aber bei Freitagnacht in… stehengeblieben ist.
Der Wahlberliner hat im Rahmen dieser Textserie auch einen sehr lesenswerten Beitrag über die „kaputteste, fertigste, unseligste Stadt Deutschlands“ veröffentlicht, der bei einigen ihrer Bewohnerinnen heftige Kritik auslöste. Das war im Mai und von Uslar stattete damals der Peenestadt Anklam einen Besuch ab.
Morgen Abend wird es aber nicht um Anklam, sondern um den jüngsten Roman des Schriftstellers gehen: Deutschboden. Der Untertitel des Buches, eine teilnehmende Beobachtung, deutet schon an, was auf die Leser zukommt, denn von Uslar ist für drei Monate in die brandenburgische Provinz gezogen, um zu verstehen, wie das Leben zwischen HartzIV, Ostalgie und Rechtsextremismus funktioniert und ob das schon alles gewesen sein soll.
„Ich sagte: Ich haue ab von hier, dort hin, wo kaum ein Mensch je vor uns war – nach Hardrockhausen, Osten, nordöstliche Richtung, nicht zu weit weg, vielleicht eine Stunde von Berlin entfernt.
Dort suche ich mir einen Boxclub, trainiere mit, hänge rum und tue nichts, außer die ganze Zeit nur zuzuhören und zuzugucken, was passiert, und abends stelle ich mich da hin, wo der totale Blödsinn erzählt wird, auf Parkplätze, an Tankstellen, in Pilslokale, und nebenbei erfahre ich alles über des Prolls reine Seele, über Hartz IV, Nazirock, Deutschlands beste Biersorten und die Wurzel der Gegenwart.“
Provinzpossen und Bestandsaufnahmen im literarischen Gewand
Moritz von Uslar siedelte den aus seinen Beobachtungen entstandenen Roman im fiktiven Ort Oberhavel an, aber es ist natürlich interessant zu wissen, dass er diese Zeit im brandenburgischen Zehdenick verbrachte. Der Abend ist ein Pflichttermin für alle, die an junger deutscher Literatur interessiert sind beziehungsweise einen Faible für ostdeutsche Provinzpossen und Bestandsaufnahmen mitbringen.
Die Lesung und das sich anschließende Autorengespräch wird von Prof. Dr. Eckhard Schumacher (Neuere Deutsche Literatur und Literaturtheorie, Greifswald) moderiert werden.