Pop am Wochenende: Feine Sahne Fischfilet „Sturm & Dreck“

Feine Sahne Fischfilet legen mit „Sturm & Dreck“ ihr fünftes Album vor. Die vorpommersche Trompetenpunkband von einst tourt heute mit den Toten Hosen und ist zum subkulturellen Exportschlager Mecklenburg-Vorpommerns geworden.

Drei Jahre nach „Bleiben oder gehen“ bringen Feine Sahne Fischfilet ihr neues Album „Sturm & Dreck“ heraus. Die Band hat sich augenscheinlich für das Bleiben entschieden und zum großen Release-Konzert nach Loitz eingeladen. Loitz? Richtig, aber wer Feine Sahne Fischfilet kennt, kann darüber nicht überrascht sein.

Feine Sahne Fischfilet Bandfoto
(Foto: Bastian Bochinski)

Die Release-Veranstaltungen in der Provinz sind inzwischen zur Tradition geworden. Man ist selbst dort aufgewachsen; kennt die Sorgen, den kulturellen Leerstand und nicht selten auch eine rechtsextreme Hegemonie.

„Wir leben dort, wo niemals Ebbe ist“

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„Oh mein Gott, wie fickt der bloß!“ — die Materie des Jürgen Landt

Jürgen Landt wurde in Loitz geboren („und dann riss ihr der damm. ich war da.“), erlebte in Vorpommern seine Jugend zwischen Schweinesuff und DDR-Strafvollzug („sich bewusstlos zu saufen und da im Dreck zu liegen; aber als junger Bengel stehst du ja sofort wieder auf“), wurde 1983 ausgebürgert und lebte anschließend in Hamburg. Nach der Wende zog er zurück nach Vorpommern und lebt seitdem in Greifswald.

Ole Schwabe, früher als Feuilletonist bei den Moritz Medien tätig, produzierte im vergangenen Jahr das Radiofeature „Oh mein Gott, wie fickt der bloß!“ — die Materie des Jürgen Landt und porträtierte in dem absolut hörenswerten Stück den als Vorpommerns Bukowski gehandelten Selbstzerstörer.

Jürgen Landt Greifswald

Wenn Landt spricht, ist seine Herkunft schnell zu verorten, was dieses Feature für Freunde vorpommerscher Mundart zu einem Hochgenuss macht. Neben ihm sind ein Literaturwissenschaftler, sein Verleger und eine Kulturjournalistin zu hören; außerdem wohlselektierte Musik aus den Achtziger Jahren sowie vertonte Landt-Texte.

Im Dezember 2013 erschien von Jürgen Landt Letzter Stock im Feuer (2013) im Greifswalder freiraum-verlag.

Mehr zu Jürgen Landt:

 (Foto: freiraum-verlag)

Feine Sahne Fischfilet und der Schritt in die Provinz

Zweiundzwanzig Monate sind seit der ersten großen Release-Party der Band Feine Sahne Fischfilet vergangen. Damals, im Januar 2009, wurden die jungen gebürtigen Ostvorpommern Teil eines traurigen Stücks Regionalgeschichte, denn gegen ihre geplanten Veröffentlichungsfeierlichkeiten regte sich der Widerstand regionaler Neonazi-Strukturen, die schließlich ihrerseits unter dem wenig später von Innenminister Caffier verbotenen Label Mecklenburgische Aktionsfront (MAF) Proteste ankündigten.

Loitzer Bürgermeister knickte vor Neonazis ein

Es kursierten Gerüchte, wonach Neonazis das Konzert in Loitz attackieren wollten. Johannes Winter (CDU), Bürgermeister der tristen Peene-Kleinstadt, knickte damals vor den Drohungen ein und reagierte auf die rechten, in den Nachtstunden verbreiteten Aufrufe gegen das Konzert mit einem Verbot der Veranstaltung.

Feine Sahne Fischfilet wählten damals die Stadt Loitz als Schauplatz ihres Release-Konzertes, weil alle beteiligten Musiker aus der Peene-Region stammen und daher mit dem Alltag zwischen kleinstädtischer Langeweile, Perspektivlosigkeit und zunehmender Salonfähigkeit oder sogar Dominanz rechter Ideologie vertraut sind. Gerade jugendkulturell sieht es in diesen Städten trostlos aus.

Feine Sahne Fischfilet Release Loitz

Aus einem Release-Konzert sollte damals ein Aktionstag werden, Filme und Vorträge zum Thema Rechtsextremismus waren geplant, doch wegen des Verbots wurde das Konzert kurzfristig ins nahegelegene Greifswald verlegt. Eigentlich hat die Reaktion des Loitzer Bürgermeisters Johannes Winter das Arbeitsfeld und vor allem den Handlungsbedarf bestätigt, die die Band mit ihrem Programm aufzeigen wollte.

Demmin statt Loitz oder „Raider heißt jetzt Twix“

Nun wird am Wochenende ein neues Album veröffentlicht, und auch dieses soll mit einem entsprechenden Release gebührend gefeiert werden, und zwar nicht in Rostock oder Greifswald, wo die Musiker inzwischen um ihre größten Fangemeinschaften wissen, sondern dort, wo sie herkommen: in der Peene-Region. Nachdem Loitz 2009 offensichtlich nicht wollte, zieht es die Band am Wochenende also nach Demmin und auch dort soll ein antifaschistischer Aktionstag stattfinden.

release flyer demmin

Bereits um 15 Uhr findet ein Vortrag über Nazis in MV statt und nimmt damit ein Thema in Angriff, das durch die Entwicklung rechter Strukturen und nicht zuletzt durch die bevorstehende Landtagswahl im kommenden Jahr aktueller denn je ist. Dem schließt sich der hervorragende, wie beängstigende Dokumentarfilm „Da ist man lieber still. Am rechten Rand der Republik (D, 2007) an, in dem es bestandsaufnehmend durch die Provinz Ostvorpommern verläuft. Diesem inhaltlichen Programm folgt das kulturelle mit der Hardcore-Punk-Band Wasted Youth aus Schwäbisch Gmünd und dem Berliner Hip-Hop-Quartett Schlagzeiln. Danach werden Feine Sahne Fischfilet ihr neues Album vorstellen, bis schließlich Supershirthälfte Faxe System die Aftershow besorgen wird.

Speicher Demmin Feine Sahne Fischfilet
(Foto: Lars Templin)

Appelle ins Demminer Peeneland — Alarmsignale für die Städte

Das Release wird sicher nicht nur eine großartige Gelegenheit für Feine-Sahne-Fanatikerinnen sein, das neue Album zu hören und zu erwerben. Vor allem ist die Veranstaltung auch ein Appell an die Jugendlichen des Demminer Umlands, sich (auch) in Zukunft einem rechten Mainstream entgegenzustellen, zum Beispiel am 8. Mai, wenn die Nazis wie jedes Jahr durch die Hansestadt an der Peene marschieren.

feine sahne fischfilet plakat

Aber auch in die eigenen Reihen wird mit dieser Entscheidung gesprochen. Nicht, dass FSF sich in die Riege der „Wir-vergessen-niemals-wo-wir-herkommen“-Gruppen einreihen müssten – in ihrem Fall flankiert der Schritt in die Provinz vielmehr das politische Anliegen der Band und führt vor allem denjenigen, die sich für eine der größeren Städte Mecklenburg-Vorpommerns entschieden haben, vor Augen, wie arg es um den ländlichen Raum bestellt ist.

Vielleicht liegt hierin der größte Verdienst der Band, bei der es irgendwie selten um Musik geht und vordergründig das Politische verhandelt wird. Entsprechend rar sind in den bisherigen Veröffentlichungen auch die musikalischen Glanzpunkte.

Das Charisma von Feine Sahne Fischfilet kann sich nur im Livebetrieb entfalten, doch dann beherrscht diese Formation ihr Publikum. Inzwischen hat sich die Band durch viele Konzerte in ganz Deutschland und zwei Touren durch das ehemalige Jugoslawien szeneinterne Popularität erspielt, und ihr Schriftzug auf den Flyern wird immer größer. Ein Label, mit dem es sich hervorragend auskommen lässt, wurde gefunden. Eine Umbesetzung wurde verkraftet und auf dem Force Attack 2011 werden sie wieder dabei sein. Es geht also immer weiter.

Geheimniskrämereien und Wut im Bauch

Wut im Bauch, Trauer im Herzen ist fertig aufgenommen, gepresst und kam gestern in Greifswald an. Die Spannung steigt, und von den neuen Stücken wird mit „Hast du kapiert? nur eine einzige Hörprobe im Netz offeriert.

Die klingt – im Gegensatz zu früheren Aufnahmen – aber so amtlich, dass man fast anzunehmen versucht ist, dass das Stück einer anderen Band liefe.

Feine Sahne Fischfilet Wut im Bauch

Es bleibt der Eindruck, dass es bei Feine Sahne Fischfilet irgendwie selten um Musik geht und gerade das machte die Band zu einem der populärsten Greifswalder Exportschlager mit dem höchsten Kilometerstand im Tourbus. Das muss man ganz neidlos anerkennen!

Fakten: 06.11. | ab 15 Uhr | Völschowberg (Demmin) | 5-8 EUR

Mecklenburgische Aktionsfront verboten

Unangenehme Überraschung für die Mecklenburgische Aktionsfront (M.A.F.): Landesinnenminister Lorenz Caffier (CDU) ließ der rechtsextremen Organisation heute früh eine Verbotsverfügung zustellen.

Dazu erklärte er: „caffier im büroDie M.A.F. verherrlicht den Nationalsozialismus, sie äußert sich antisemitisch und rassistisch und handelt nach Art. 18a der Landesverfassung Mecklenburg-Vorpommern verfassungswidrig. Folglich habe ich die Kameradschaft verboten. Ich werde auch in Zukunft den Rechtsextremismus entschlossen bekämpfen, das heutige Verbot steht für Null Toleranz!“

Die M.A.F. war vor allem im Raum Neubrandenburg/Neustrelitz aktiv und machte unter anderem dadurch auf sich aufmerksam, dass sie im Januar 2009 die Record Release Party von Feine Sahne Fischfilet in Loitz verhinderte. Damals wurde eine massive Drohkulisse gegenüber linken Aktivitäten aufgebaut.

Auf der Internetseite der rechtsextremen Gruppe heißt es zum Verbot: „Als Würdigung der langjährigen, ruhmreichen, professionellen und aktionsorientierten Arbeit der Mecklenburgischen Aktionsfront erfolgte heute die Zustellung des Verbotes durch die Heerscharen des Ministers für die Sicherheit im Staate MV. Alle ehemaligen Aktivisten sind aufgefordert, sich ihre langjährige Dienstzeit in den Reihen der M.A.F. bescheinigen zu lassen, da diese durchaus relevant für spätere Pensionsansprüche sowie Opferrenten für Verfolgte des BRD-Regimes sein werden. Darüberhinaus ist noch vorhandenes Propagandamaterial auf keinen Fall weiter zu verwenden. Einzelexemplare können aber gern an das Deutsche Historische Museum gesandt werden oder nett konserviert für die Enkel aufbewahrt werden. 

Nach dem jüngsten Verbot der Heimattreuen Deutschen Jugend wird also auch weiterhin die Gelegenheit geboten, Treuepunkte durch Mitgliedschaft in verbotenen Vereinigungen zu erwerben. Als Anreiz für die weitere Steigerung der politischen Aktivitäten werden wir auch eine Auszeichnung in Form einer “Verbotsspange am schwarz-rot-goldnen Band” stiften, die es in den Stufen bronze, silber und gold zu erwerben gilt. Wir sehen diese Angelegenheit jedenfalls sportlich…

NS: Für einen guten Zweck gibt es eine Originalunterschrift von Lorenz Caffier zu versteigern 😉

Kay Bolick vom Rostocker Opferhilfe-Verein LOBBI e.V. gibt allerdings zu bedenken, dass das rechte Netzwerk trotz des Verbotes weiter existieren würde:  „Ob das hilfreich ist, muss bezweifelt werden“, so Bolick gegenüber der dpa. Ein Verbot ist auf jeden Fall erstmal gut, solange sich das Engagement gegen Rechts nicht in solchen Verfahren erschöpft und die dann zu reinen Ablenkungsdebatten verkommen.

(Bildquelle M.A.F.: neubrandenblog.de)

 

Ungemach aus der Provinz

Die Wahlgreifswalder Band Feine Sahne Fischfilet wollte ursprünglich genau heute mit einer Record Release Party in Loitz Stellung beziehen. Um auf die politisch schwierige Situation in den Provinzen aufmerksam zu machen, entschloss sich die Band dazu, eine Art antifaschistisches Komplettprogramm auf die Beine zu stellen. Film und Vorträge zum Thema Rechtsextremismus und Konzerte von vier Bands sollten ein Zeichen setzen.

Irrwitzigerweise mobilisierten junge Rechtsextreme gegen die Veranstaltung, die dann schlussendlich gestern vom Loitzer Bürgermeister mit der Begründung, keine Sicherheitsgarantien geben zu können, verboten wurde. Diese Entscheidung ist ein Armutszeugnis für die Region und wird sicher noch für Diskussionen sorgen.Genaueres läßt sich bei indymedia nachlesen.

feine sahne fischfilet

Die Veranstaltung wird kurzfristig nach Greifswald ins IKUWO verlegt. Die Konzerte werden dort heute ab 20:30 Uhr stattfinden.