OB-Wahl 2015: Hochheim kriegt Unterstützung von oben

Landesinnenminister Lorenz Caffier (CDU) gratulierte am vergangenen Montag seinem Parteikollegen Jörg Hochheim (CDU), der sich im ersten Wahlgang nicht deutlich genug gegen seine Konkurrenten Stefan Fassbinder (Die Grünen) und Björn Wieland (Die PARTEI) durchsetzen konnte, zur nicht überstandenen OB-Wahl: „Die Wählerinnen und Wähler von Greifswald würdigten mit diesem hervorragenden Ergebnis seine bisherige Arbeit als stellvertretender Bürgermeister. Jörg Hochheim wird sich in einer nun notwendigen Stichwahl am 10.05.2015 dem endgültigen Vertrauen der Wähler stellen. Hierfür wird die gesamte CDU Mecklenburg-Vorpommern noch einmal in den Tagen bis zur Stichwahl geschlossen kämpfen!“

Geschlossen kämpfen, das schließt offenbar auch ministeriale Unterstützung und einen überaus engagierten Innenminister Caffier mit ein, der den vor der Wahl veröffentlichten Terminplan über den Haufen warf und am Donnerstag nach Greifswald reiste, um dem amtierenden Oberbürgermeister Arthur König (CDU) die Genehmigung für den Doppelhaushalt 2015/16 zu überbringen — angeblich sogar mit einem Hubschrauber. Bislang hatte es gereicht, solche Dokumente mit der Post zu verschicken, aber in diesen Tagen lässt ein engagierter Innenminister nichts anbrennen und erklärt den Dokumententransport zur persönlichen Chefsache!

lorenz-caffier-franz-robert-liskow-greifswald600(Innenminister Lorenz Caffier, hier bei einer Plauderei mit Hochheim-Schwiegersohn und stellvertretendem CDU-Stadtverbandsvorsitzenden Franz-Robert Liskow (CDU) während der Eröffnungsfeier des Technischen Rathauses. (Foto: Fleischervorstadt-Blog, 2014)

Neben König waren auch Baudezernent Jörg Hochheim und Stadtkämmerer Dietger Wille (CDU) beim Empfang des Innenministers zugegen. Das sorgte für Verschnupfung auf Seiten der Grünen. Fraktionsgeschäftsführerin und Anwärtergattin Dr. Frauke Fassbinder wundert sich auf dem Grünen-Blog, warum nicht auch die Fraktionsvorsitzenden der Bürgerschaft eingeladen wurden: „Sie haben allemal mehr mit “Greifswalds solider Finanzpolitik” für die nächsten beiden Jahre zu tun als der Baudezernent. Denn letztlich war es die Bürgerschaft, die dem Haushalt den letzten Schliff gegeben hat und ihn in seiner jetzigen Form beschlossen hat…“

Es ist Wahlkampf, da wird natürlich um jede positive mediale Darstellung des eigenen Kandidaten und um jede euphorische Mitteilung bei Facebook geworben. Für Innenminister Caffier bedeutete das in diesem Fall einen zusätzlichen Ortstermin, den er kurzfristig — das heißt, nach Bekanntgabe des knappen Greifswalder Wahlergebnisses und der notwendigen Stichwahl — einschieben musste. Diese Kurzfristigkeit lässt sich beispielsweise daran ablesen, dass der Besuch in Greifswald nicht bei den offiziellen Terminmeldungen vor der Wahl (PM-Nr. 76/2015) auftauchte, sondern erst in einem fast identischen Dokument, das am Dienstag nach der Wahl einfach nochmal unter der gleichen Nummer (76/2015) verschickt wurde, obwohl die Dokumentenzählung zu diesem Zeitpunkt bereits bei Nummer 81 war. Das lässt sich nur noch über Googles Webcache rekonstruieren, denn die Terminmeldungen 76/2015 wurden angepasst und aktualisiert.

Hochheim Caffier

Um es vorsichtig auszudrücken: Ein Zusammenhang zwischen dem spontanen persönlichen Besuch des Landesinnenministers beim OB-Kandidaten und der unmittelbar bevorstehenden Stichwahl am nächsten Sonntag, bei der es sehr knapp werden könnte, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden.

(Screenshot: Jörg Hochheim, offizielle Facebook-Seite)

Wird der ermordete Klaus-Dieter Gerecke jetzt endlich staatlich anerkanntes Opfer rechter Gewalt?

Bald vierzehn Jahre sind seit dem grausamen Mord an dem Obdachlosen Klaus-Dieter Gerecke vergangen. Ihm wurde in der Nacht zum 24. Juni 2000 in der Gützkower Straße von drei Heranwachsenden regelrecht das Leben aus dem Leib geprügelt, bis er schließlich aufgrund massiver Schädel-, Gesichts- und Rippenverletzungen verstarb. Heute erinnert eine Gedenkplatte an den damals 47-Jährigen, dessen Tod nun möglicherweise vor einer Neueinordnung steht.

Gedenkstein für getöteten Obdachlosen in Greifswald(Foto: Antifaschistische Aktion Greifswald)

Wie die Schweriner Volkszeitung (SVZ) berichtet, wurden bundesweit mehr als 3300 ungeklärte Tötungsdelikte auf Anhaltspunkte für eine mögliche politisch rechte Tatmotivation überprüft. Hinzu kamen 137 aufgelöste Fälle, die aber möglicherweise falsch eingeordnet wurden. Bis zum Frühjahr sollen insgesamt 745 Fälle genauer untersucht werden; die Ergebnisse könnten dann zu neuen Ermittlungen oder Änderungen in der Statistik führen. Laut SVZ beinhalten diese Überprüfungen auch zwölf oder dreizehn Straftaten, die zwischen 1991 und 2011 in Mecklenburg-Vorpommern begangenen wurden — darunter der Mord an Klaus-Dieter Gerecke.

„DA IST DER ASSI, KLATSCH IHN TOT!“  „Wird der ermordete Klaus-Dieter Gerecke jetzt endlich staatlich anerkanntes Opfer rechter Gewalt?“ weiterlesen

Mach die Tür zu, es zieht! Greifswald rüstet sich für Orkantief „Xaver“

Morgen wird es unangenehm, denn nach aktuellen Prognosen des Deutschen Wetterdienstes wird dann das Orkantief „Xaver“ über Norddeutschland ziehen. Ab Donnerstagmittag wird es auch in Greifswald zu spüren sein. Der Höhepunkt des Sturms wird in der Nacht zu Freitag erwartet. Es wird mit Windstärken von bis zu 120 Stundenkilometern gerechnet.

Innenminister Lorenz Caffier bat die Bevölkerung darum, nach Möglichkeit zu Hause zu bleiben, Fenster und Türen geschlossen zu halten und lose Gegenstände im Freien zu sichern. Autofahrer sollten unnötige Fahrten vermeiden und ihre Geschwindigkeit den örtlichen Gegebenheiten anpassen. Hauseigentümer mit aufgestellten Baugerüsten sollen diese angemessen sichern und gegebenenfalls die Verplanung festzurren.

(Foto: Kevin Neitzel, 2009)

Die Greifswalder Berufsfeuerwehr teilt mit, dass alle Mittel und Materialien zur Beseitigung von Sturmschäden einsatzbereit seien. Ähnlich wie beim städtischen Winterdienst stünden alle Reserven in Bereitschaft. Außerdem werden Mitarbeiter des Bauhofs Kontrollfahrten während des Sturms unternehmen und in Kooperation mit der Feuerwehr abgeknickte Äste und umgestürzte Bäume von den Straßen räumen.

DER WEIHNACHTSMARKT BLEIBT VORERST GEÖFFNET — DIE TANNE IST „FEST VERANKERT“ 

Derweil werden auf dem Greifswalder Weihnachtsmarkt Sturmstützen aufgebaut, um die Dekozäune zu sichern. Alle Stand- und Karussellbetreiber wurden vom Marktmeister Uwe Buschbeck aufgefordert, Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Sie sollen insbesondere die Windlast ihrer Anlagen minimieren und notfalls — sofern vorhanden — die Klappen der Karussells schnell schließen können. Der Markt bleibe jedoch weiterhin geöffnet.

Die Entscheidung über eine mögliche Schließung des Weihnachtsmarkts erfolge bei Notwendigkeit voraussichtlich am Donnerstagnachmittag. Um die Weihnachtstanne müsse man sich keine Sorgen machen. Wie der Marktmeister in einer Pressemitteilung der Stadtverwaltung zitiert wird, sei der Baum „fest verankert“.

Während für Hamburg eine Sturmflut prognostiziert wird, besteht nach Einschätzung des Staatlichen Amtes für Landwirtschaft und Umwelt (StALU) für Greifswald keine Hochwassergefahr. Morgen werde zunächst mit Niedrigwasser gerechnet, ehe am Freitagabend die Welle zurückkommen und für einen erhöhten Normalwasserpegel von etwa einem Meter sorgen wird. Obwohl dieser Pegel unter der Alarmschwelle liegt, hat sich die Feuerwehr vorbereitet und hält Sandsäcke vor. Aus Sicherheitsgründen wird im Wiecker Hafen der Strom in den Landanschlusskästen abgeschaltet. Das Wetter soll sich Sonnabendfrüh wieder normalisieren.

  • Greifswald für „Xaver“ gerüstet (PM Stadtverwaltung, 04.12.13)
  • Vorabinformationen Unwetter vor Orkanböen (DWD, 04.12.13)

*Update*

Die Universität hat inzwischen ihren Betrieb eingestellt, viele städtische Einrichtungen und der Weihnachtsmarkt wurden geschlossen. Aktuelles und nützliche Tickerlinks findet ihr hier!

Verfassungsschutzbericht 2012 veröffentlicht — wo lauert nun die größte Gefahr?

Gestern präsentierte Landesinnenminister Lorenz Caffier (CDU) den aktuellen Verfassungsschutzbericht für Mecklenburg-Vorpommern. Im Vergleich zum Bericht des Vorjahres, der nach einem längeren Rechtsstreit zwischen dem Innenministerium und drei alternativen Vereinen nur noch in stellenweise geschwärzter Fassung verbreitet werden darf, hat sich nicht viel verändert

Die rechtsextreme Szene bleibt ein Problem; der sogenannte „Linksextremismus“ soll das Potenzial dazu haben; der Islamismus ist – gleich nach der Punkband Feine Sahne Fischfilet – die größte Gefahr für unsere Sicherheit und schlussendlich bedrohen Spione einheimische Technologieunternehmen.

Gealtbereitschaft und Mitgliederzahlen der rechtsextremen Szene bleiben konstant

Verfassungsschutzbericht 2012

Alltäglicher Rechtsextremismus stelle „weiterhin eine Bedrohung unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung dar und ist Nährboden für rassistisch motivierte Gewalt“, betonte Caffier und mahnte angesichts der zunehmenden NPD-Propaganda gegen Ausländer und der Verdopplung der aufgeführten fremdenfeindlichen Gewalttaten — von drei auf sechs — zur Wachsamkeit.

Im vergangenen Jahr ist die Zahl rechtsextremistisch motivierter Delikte gegenüber dem Landtagswahljahr 2011 um gut 10 Prozent auf 666 gesunken, jedoch blieb die Zahl der Gewalttaten davon unberührt, sie erhöhte sich sogar leicht. Auch die Bedrohung politischer Gegner setzte sich im vergangenen Jahr fort. Zu solchen Einschüchterungsmaßnahmen zählt der Verfassungsschutz „neben einschlägigen Gewalttaten fortgesetzte Sachbeschädigungen an Büros der Parteien […] Buttersäureattacken auf Treffpunkte der linken Szene, Drohaktionen gegen Politiker aus anderen Parteien oder Menschen aus der Zivilgesellschaft, die sich gegen den Rechtsextremismus engagieren, sowie die erkennbaren Versuche, Informationen über das gegnerische Lager zu sammeln“.

Auffällig ist außerdem die Zunahme antisemitischer Delikte. Der rechten Szene werden in Mecklenburg-Vorpommern weiterhin etwa 1400 Anhänger zugerechnet. Eine Schlüsselrolle als verbindendes Element nimmt dabei die NPD ein, die die Szene dank ihrer Mandate auf Landes- und Kommunalebene effektiv unterstützen kann und Gelder in nationale Projekte wie das Thinghaus in Grevesmühlen oder das „Nationale Begegnungszentrum“ in Anklam umleitet.

Linksautonome Szene bedroht sich selbst

Dem sogenannten linksextremen Spektrum Mecklenburg-Vorpommerns werden im Bericht 400 Personen zugerechnet, darunter etwa 300 gewaltbereite Autonome, die mit ihren Aktivitäten die freiheitlich-demokratische Grundordnung bedrohen und „durch eine revolutionäre Umwälzung die Errichtung einer anarchistischen oder kommunistischen Gesellschaft“ anstreben würden.

Diese Szene konzentriere sich vor allem in den Bildungsstädten Rostock und Greifswald. Das wesentliche Aktionsfeld dieser Szene sei durch den „Kampf gegen den politischen Gegner im rechtsextremen Lager, der zumindest zum Teil durch das Begehen schwerwiegender Straftaten realisiert wurde, sowie Outing-Aktionen, in deren Rahmen Rechercheergebnisse über rechtsextremistische Strukturen und Akteure veröffentlicht werden“, bestimmt.

Politisch motivierte Kriminialität MV 2012

Innenminister Caffier rechnet angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl mit einer Zunahme politisch motivierter Straftaten. Diese Entwicklung sei nicht zuletzt davon abhängig, ob die Rostocker „Linksextremisten“ ihre szeneinternen Auseinandersetzungen beilegen können. Gegen alle Regeln der Konspiration werden diese seit Januar 2012 auch öffentlich ausgetragen und auf dem Blog Kritische Provinz in popcorngerechten Portionen zubereitet und serviert.

Angesichts der dort geführten Debatten braucht Caffier sich wohl wenig Sorgen zu machen. Kulturprojekte wie das Peter-Weiss-Haus, das Café Median oder das IKUWO werden im Verfassungsschutzbericht 2012 nicht mehr genannt und als vermeintliche Treffpunkte der Autonomenszene in Misskredit gebracht. Die drei Vereine klagten erfolgreich gegen ihre Nennung im letzten Bericht und wurden vermutlich deshalb in der aktuellen Publikation überhaupt nicht erwähnt.

Noch immer eine Gefahr für die Sicherheit: Feine Sahne Fischfilet 

Weniger erfolgreich verlief die Klage der Band Feine Sahne Fischfilet, über die im Verfassungsschutzbericht 2011 ausführlicher informiert wurde als über das auch in MV mordende Terrornetzwerk Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Der Band wird vorgeworfen, mit ihrem Wirken „linksextremistische Aktivitäten“ zu entfalten. Ihre Lieder würden nicht nur ein Lebensgefühl verbreiten, sondern sich auch „linksextremistischer Inhalte“ bedienen, zum Beispiel mit Zeilen wie diesen: „Nazis morden weiter und der Staat schiebt fleißig ab. Es ist und bleibt schlussendlich das gleiche Rassistenpack!“ Feine Sahne Fischfilet hat auch 2012 zur Teilnahme an Veranstaltungen und Demonstrationen aufgerufen.

„Letztlich nutzt die Gruppe ihre musikalische Bekanntheit, um Fans zu beeinflussen und szenerelevanten Veranstaltungen einen breiteren Zulauf zu verschaffen.“ Die Linksrockband, die nicht zuletzt durch den Verfassungsschutzbericht des vergangenen Jahres einen ungeheuren Popularitätsschub erhielt, agitiert mittlerweile auch auf großen deutschen Festivals wie dem Melt! oder dem Highfield gegen Neonazis und Rassisten.

Greifswalder Gruppen im Fokus der Verfassungsschützer

Im aktuellen Verfassungsschutzbericht geht es abermals wieder dezidiert um die Nationalen Sozialisten Greifswald (NSG), deren Aktivitäten eine halbe Seite gewidmet wurde. Neben der Teilnahme an bundesweiten Demonstrationen der rechtsextremen Szene werden mit den Greifswalder Neonazis rechte Graffiti, die Bedrohung einer Landtagsabgeordneten der LINKEN und der Diebstahl der „Stolpersteine“ assoziiert.

Die NSG verbreitete außerdem die beiden Ausgaben des Greifswalder Boten, die 2012 presserechtlich noch von Enrico Hamisch (NPD) beziehungsweise vom NPD-Funktionär Mario Kannenberg verantwortet wurden. Seit diesem Jahr firmiert der Greifswalder Neonazi René Hackbarth als Herausgeber.

Die einzige linke Greifswalder Gruppierung, die im Bericht genannt wird, ist die Ortsgruppe der Roten Hilfe. Die Rechtshilfeorganisation soll in der Hansestadt über rund 100 „sehr aktive“ Mitglieder verfügen und 2012 durch Demonstrationsaufrufe sowie durch organisierte Vortrags- und Informationsveranstaltungen – unter anderem zu Rechtshilfefragen – aufgefallen sein.

Vom Islamismus geht nach Meinung der Sicherheitsbehörden bundesweit die größte Gefahr aus, doch nicht zuletzt aufgrund der Bevölkerungsstruktur wies Mecklenburg-Vorpommern im vergangenen Jahr nur vereinzelt islamistische oder salafistische Bezüge auf, die sich vor allem in Rostock und Greifswald konzentrieren. So finden sich auf der Webseite des Islamischen Kulturzentrums Greifswald (IKZ) auch teilweise salafistische Inhalte, die in höchstem Maße bedenklich sind und auf der Liste jugendgefährdender Medien stehen.

Erkenntnisstillstand im Innenministerium

Kaum veröffentlicht, steht der aktuelle Bericht bereits in der Kritik: „Wer die Hoffnung hatte, dass der aktuelle Verfassungsschutzbericht mehr Licht ins NSU-Dunkel bringt, sieht sich erneut enttäuscht“, so Peter Ritter (Die Linke). Die Ausführungen zum NSU-Komplex ließen auf „Erkenntnisstillstand“ schließen: „Hieß es im Bericht 2011, dass es für eine endgültige Bewertung des Geschehens noch zu früh sei, so findet sich 2012 erneut keine Analyse.

Hieß es 2011 noch, dass es zahlreiche Fragen aufwerfe, warum die Bildung einer derartigen Gruppierung verborgen geblieben war, wird heute lediglich auf verschiedene parlamentarische Untersuchungsausschüsse und Expertenkommissionen verwiesen“, kritisierte Ritter.

Doch auch abseits des Themas NSU vermag der Bericht kaum zu befriedigen. Abgesehen von den Informationen über Islamismus in Vorpommern ist nichts dabei, was sich nicht mit einer zehnminütigen Internetrecherche ans Licht bringen ließe. Auch, dass bestimmte, öffentlich auftretende Gruppen keinerlei Erwähnung fanden, hingegen andere harmlose Initiativen Jahr für Jahr mit einem Eintrag stigmatisiert werden, spricht nicht unbedingt für die Arbeit der Verfassungsschützer.

Oder um es mit den Worten Peter Ritters nochmal auf den Punkt zu bringen: „Dass rechtsextreme Konzerte im Land stattfinden und diese kaum oder nicht unterbunden werden können, oder die NPD-Landtagsfraktion unter dem Label „NPD-Landtagsfraktion MuP“ bei Facebook unterwegs ist und auf dem rechtsextremen Internetportal ‚mupinfo‘ auch NPD-Kader unverhohlen ausländerfeindliche Sprüche klopfen, weiß jeder, der mit offenen Augen durch den Tag geht. Einer Behörde wie dem Verfassungsschutz bedarf es dazu nicht.“

  • Verfassungsschutzbericht MV 2012 (06.08.2013)
  • Mehr fremdenfeindliche Gewalt befürchtet (NDR, 06.08.2013)
  • Verfassungsschutzbericht bringt kein Licht ins NSU-Dunkel (Die Linke, 06.08.2013)
  • Feine Sahne Fischfilet wieder im Verfassungsschutzbericht Meck-Pomm (Kraftfuttermischwerk, 06.08.2013)
  • Der VS-Bericht 2012, oder: “Ich mach mir die Welt, wie-de-wie…” (Kombinat Fortschritt, 07.08.2013)
  • Im Osten nichts Neues? Verfassungsschutzbericht 2012 ohne neue Erkenntnisse (Endstation Rechts, 08.08.2013)
  • Statement zum Verfassungsschutzbericht 2012 (Feine Sahne Fischfilet, 08.08.2013)

Sieg vor Gericht: Alternative Vereine aus MV stoppen Verfassungsschutzbericht

Das Verwaltungsgericht Schwerin hat heute entschieden, dass das Landesinnenministerium den Verfassungsschutzbericht 2011 vorerst nicht mehr verbreiten oder der Öffentlichkeit zugänglich machen darf.

AUCH INTERNATIONALES KULTUR- UND WOHNPROJEKT IM FOKUS DER VERFASSUNGSSCHÜTZER

Es hat sehr viel länger als üblich gedauert, bis die Schweriner Behörde im Oktober des vergangenen Jahres den Verfassungsschutzbericht 2011 veröffentlichte, doch gelohnt hat sich das Warten nicht. Dabei hätte das rechte Terrornetzwerk Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), das unter anderem für die Ermordung von Mehmet Turgut in Rostock sowie zwei Banküberfälle in Stralsund verantwortlich war, Anlass genug für eine innerbehördliche Aufarbeitung gegeben.

Innenminister Lorenz Caffier (CDU) räumt im Vorwort des Berichts ein, dass die Frage, wie es dem NSU möglich war, diese Taten zu begehen, ohne in den Fokus der Ermittlungsbehörden zu geraten, “die Arbeitsweise und Zusammenarbeit der betroffenen Behörden ganz grundsätzlich auf den Prüfstand gestellt” habe. Dennoch, so Caffier, dürfe diese Frage „nicht den Blick auf die alltäglichen Herausforderungen durch den politischen Extremismus im Lande verstellen.“

Entsprechend dürftig fielen die im Verfassungsschutzbericht zu Papier gebrachten Erkenntnisse über den NSU aus. Stattdessen gerieten linksalternative Projekte ins Visier der Ermittler. Neben der Politband Feine Sahne Fischfilet — der im Bericht mehr Text als dem NSU zugestanden wurde — tauchten in der Publikation des Innenministeriums auch die beiden Rostocker Projekte Cafe Median und das Peter-Weiss-Haus sowie das Greifswalder IKUWO auf. Die drei linksalternativen Hausprojekte wehrten sich daraufhin mit juristischen Mitteln gegen die Stigmatisierung als Feinde der Verfassung — mit Erfolg, wie sich zeigte!

verfassungsschutzbericht (Screenshot, 09.01.13)

Heute entschied das Verwaltungsgericht Schwerin gegen das Innenministerium und untersagte der Behörde einstweilig die Verbreitung des Verfassungsschutzberichts in digitaler und schriftlicher Form, soweit darin das IKUWO beziehungsweise die anderen beiden Projekte erwähnt werden.

ERWÄHNUNG IST MIT NEGATIVER STIGMATISIERUNG VERBUNDEN

Das Internationale Kultur- und Wohnprojekt aus Greifswald (IKUWO) tauchte in diesem Bericht zweimal auf. Anlass hierfür war einerseits eine Vortragsveranstaltung mit Aktivisten aus Belarus, die über die anarchistische Bewegung in ihrem Land sprachen und die Anwesenden über die aktuelle politische Situation und die massiven staatlichen Repressionen im Lukaschenko-Regime aufklärten, mit denen  politische Aktivisten konfrontiert werden.

Im Verfassungsschutzbericht wird weiterhin über die Gruppe Antifaschistische Aktion Greifswald (AAG) geschrieben, die „maßgeblich an der Bildung des Bündnisses ‚Greifswald nazifrei‘ beteiligt“ gewesen sein soll und die Räumlichkeiten des IKUWO nutzen würde. Die Verfassungsfeindlichkeit dieser Gruppe wurde bislang zwar nicht nachgewiesen, die Stigmatisierung als ’staatsfeindlich‘ funktioniert dennoch — und wird auch unweigerlich auf Projekte und Zusammenschlüsse übertragen, die zusammen mit ihr erwähnt werden.

Das Schweriner Verwaltungsgericht bewertete die Erwähnung des IKUWO im Verfassungsschutzbericht 2011 als Grundrechtseingriff, der geeignet ist, “sich abträglich auf das Bild des Antragstellers in der Öffentlichkeit auszuwirken”. Zudem wurde festgestellt, dass mit der in Aufmerksamkeit erweckender Weise hervorgehobenen Nennung des Kulturprojekts „eine negative Stigmatisierungswirkung verbunden ist.“

ikuwo greifswald graffiti(Montage: Enrico Pense)

Wie schwer in diesem Zusammenhang ein Eintrag im Verfassungsschutzbericht wiegt, bekam vor einigen Jahren die Greifswalder Ortsgruppe der Roten Hilfe zu spüren. Gegen die linke Rechtshilfeorganisation wurde damals eine regelrechte Kampagne losgetreten, in deren Rahmen Veranstaltungsorte wie zum Beispiel das Klex spürbar unter Druck gesetzt wurden, um die Nutzung und Vermietung von Räumen oder Postfächern durch die Rote Hilfe zu unterbinden. All das geschah mit Verweis auf die Erwähnung im Verfassungsschutzbericht, den die wenigsten Stimmungsmacher von damals überhaupt gelesen haben dürften.

VERFASSUNGSSCHUTZ SOLL PRIORITÄTEN ÜBERDENKEN!

Nach dem Behördenversagen in Zusammenhang mit den NSU-Morden und der geschredderten Aufarbeitung staatlicher Unterstützung rechtsterroristischer Strukturen sollten die jährlichen Berichte der Verfassungsschutzbehörden eigentlich nur noch eine untergeordnete Rolle spielen und mit Skepsis betrachtet werden. Das Schweriner Verwaltungsgericht hat heute dazu eine klare Position eingenommen.

Der Berliner Rechtsanwalt Peer Stolle, der alle drei Hausprojekte anwaltlich vertrat, erklärte heute zum Urteil:  „Die Entscheidung verdeutlicht, dass auch der Verfassungsschutz in seiner Arbeit an Recht und Gesetz gebunden ist. Der Möglichkeit, die wertvolle und unverzichtbare zivilgesellschaftliche Arbeit von Jugendprojekten in M-V zu diskreditieren, wurde jetzt ein Riegel vorgeschoben.“ Auch die rechtspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Barbara Borchardt, begrüßt das Urteil: „Aus meiner Sicht ist dies ein Erfolg für zivilgesellschaftliches Engagement in MV.“ Innenministerium und Verfassungsschutzbehörde seien aufgefordert, „künftig von derart rechtswidrigem Verhalten Abstand zu nehmen und gegebenenfalls ihre Prioritätensetzung zu überdenken.

  • Pressemitteilung Verwaltungsgericht Schwerin (24.01.13)
  • Verwaltungsgericht weist Innenministerium in seine Schranken (Pressemitteilung Linke MV, 24.01.13)
  • Verfassungsschutzbericht 2011 ist rechtswidrig (Publikative, 24.01.13)

CDU-Pannenwahlkampf: Verhöhnt uns und interessiert Euch!

Und, ist Ihr Interesse an Politik in den letzten Tagen auch wiedergeweckt worden? Konnte die durch den Wirbel um die vielseits belächelten Plakate der CDU Mecklenburg-Vorpommern freigesetzte Aufmerksamkeit Ihrer politischen Verdrossenheit vorbeugen? Wenn ja, dann seien Sie von Vincent Kokert, seines Zeichens Generalsekretär der CDU M-V, gewarnt: „Das kann nur der Einstieg in eine inhaltliche Auseinandersetzung sein.“

Verhöhnt uns!

Gemeinsam mit der Osnabrücker Werbeagentur Hagenhoff entwickelte die CDU ein Wahlkampf-Plakat, das sie wieder in die Diskussion bringen sollte. Herausgekommen ist ein Motiv, auf dem Spitzenkandidat Lorenz Caffier das bildungspolitische Anliegen seiner Partei formelhaft auf den Punkt bringt: C wie Zukunft. Vincent Kokerts Kollege Klaus-Dieter Götz, Geschäftsführer der CDU M-V, bewertete die Kampagne positiv: „Der Slogan ist ein Erfolg. Durch ihn sind wir bei den Menschen im Gespräch.“

Fraglich ist nur, wie über die Christdemokraten gesprochen wird, denn in den vergangenen beiden Tagen verzichtete kaum eine Redaktion darauf, die Werbestrategie der CDU zu verhöhnen. Die Hamburger Morgenpost schrieb vom „Gaga-Motto“, der Befund von taz und NDR fiel legasthenisch aus und auf allen Kanälen amüsiert man sich köstlich über den Fauxpas.

CDU kündigt noch „weitere Knüller“ an

Einen Honigtopf für Schadenfreudige im Internet richtete alsbald der 19-jährige Schüler Dennis Morhardt mit der Seite c-wie.de ein, auf der er der kollektiven Kreativität Raum gab. Inzwischen sind dort über 23.000 Userbeiträge versammelt. Der Spott bricht sich Bahn und der strategisch-ehrfurchtslose Umgang von Werbetextern und PR-Profis mit der deutschen Orthographie rast mit Karacho gegen die Wand.

Indes kündigte Generalsekretär Vincent Kokert gegenüber dem NDR noch „weitere Knüller“ an, denn die CDU wird bis zur Landtagswahl am 4. September ihre Plakatmotive im Zweiwochentakt wechseln. Raum genug also für den alten Law&Order-Kläffer Caffier und seine Osnabrücker PR-Gang, die Wiedererweckung unseres politischen Interesses voranzutreiben, auf dass wir uns wieder für die Bildungspolitik im Land interessieren mögen.